Otto Pippel, Odensplatz, 1934, Öl auf Leinwand, 49 x 61 cm. Foto © Martin Weiand

Otto Pippel, Odensplatz, 1934, Öl auf Leinwand, 49 x 61 cm. Foto © Martin Weiand

 
 

Odeonsplatz von Otto Pippel

(nach dem Katalogtext von Antonia Latković)

 

Der 1887 geborene Künstler Otto Pippel ist auch heute noch auf dem Kunstmarkt sehr präsent und beliebt. Auf seinem 1934 entstanden Ölgemälde „Odeonsplatz“ (1934) ist der Anfang der Münchner Ludwigstraße mit Blick auf die Feldherrnhalle zu sehen. Umgeben wird diese von der Theatinerkirche am rechten und dem Café Tambosi am linken Bildrand.

Pippel hat für das Gemälde primär Pastelltöne verwendet, die durch den unebenen, dicken Auftrag eine Oberfläche bilden, die an die Struktur von Rinde erinnert. Im Kontrast zu den vielen weichen Beige-, Ocker- und Gelbtöne im Bild, fallen die vor der Feldherrnhalle gehissten Reichs- und Parteifahnen, mit ihrem unvermischten Rot, Weiß und Schwarz, auf.

Dieser Kontrast ist jedoch bei Weitem nicht so stark herausgearbeitet, als dass der Betrachter ihn auf den ersten Blick gezielt wahrnehmen könnte. Pippel hat die Fahnen in perspektivischer Verkürzung relativ schmal dargestellt und sie dabei so angeordnet, dass etwa das Hakenkreuz der Parteifahne zwar angedeutet ist, es jedoch den Blick des Betrachters nicht augenblicklich einnimmt. Es ist vielmehr eine subtilere Darstellung, die fast harmlos und unauffällig wirkt.

Nun stellt sich die Frage: Muss das Gemälde zwingend als Ausdruck einer politischen Gesinnung gewertet werden oder kann es in seiner unaufgeregten Darstellung auch einfach eine Münchner Stadtansicht in Zeiten des NS-Staates zeigen?

Einen Deutungsansatz gibt zum einen Pippels Eintritt in die NSDAP 1939 sowie ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1942, der auf einem Interview mit Pippel fußt: „Unser Gespräch wandte sich den Verhältnissen im deutschen Kunstleben zu. Pippel erzählte von den bedeutenden Ausstellungen im Reich, vor allem von der Deutschen Kunstausstellung. Die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Kunstleben habe die besten Früchte gezeitigt.“ [1]

Offensichtlich klaffen die Gesinnung des Künstlers und die heutige Wahrnehmung seiner Arbeiten auseinander. Dies wirft Fragen auf wie: Kann die Tatsache, dass ein Künstler NSDAP-Mitglied gewesen ist, Grund genug dazu bieten, seine Arbeiten heute nicht öffentlich auszustellen? Oder muss nicht umgekehrt eine aufgeklärte Gesellschaft sich endlich auch mit diesem kulturellen Erbe auseinandersetzen ‒ statt es zu tabuisieren?  Eine solche Erörterung ist im Fall Otto Pippels bisher ausgeblieben; notwendig und sinnvoll wäre sie auf jeden Fall.

 

[1] Adolf Kargel: Otto Pippel. ‚Ich male keine Sonate, sondern einen Satz!‘ in: Litzmannstädter Zeitung, 29.09.1942, S.6.