Leonhardi: Porträt Hermann Göring, 1945-46, Öl auf Leinwand, 80 x 60 cm. Foto © Martin Weiand

Leonhardi: Porträt Hermann Göring, 1945-46, Öl auf Leinwand, 80 x 60 cm. Foto © Martin Weiand

Portrait Hermann Göring von Leonhardi

(nach dem Katalogtext von Elena Velichko)

 

Ein stechender Blick aus eiskalten Augen, ein mit zahlreichen NS-Abzeichen behängter Hermann Göring und … ein Einschussloch? Das Ölgemälde des Reichsmarschalls und engen Vertrauten Hitlers gibt bis heute Rätsel auf. Zum einen wäre da natürlich die Frage, wer auf das Bild geschossen hat. Zum anderen konnte die Herkunft des Werkes bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht geklärt werden.

Sicher ist: Das Portrait des in Rosenheim geborenen Görings war bis heute nicht öffentlich zugänglich und lagerte im Bestand des Städtischen Museums Rosenheim. Wie das Portrait seinen Weg in das Museum fand, ist nicht bekannt. Unklar ist auch, welcher Künstler sich hinter der Signatur „Leonhardi“ verbirgt. Doch neben all diesen Ungereimtheiten liefert eine genauere Betrachtung des Bildes kleine Hinweise und Antworten auf ungeklärte Fragen.

So dient die Uniform als Anhaltspunkt für die Datierung des Werkes. Hermann Göring trägt seit ca. 1923 die braune Standarduniform des Hauptmanns oder SA-Sturmhauptführers [1]. Diese wird ab 1933 durch die blaue Uniform eines Generalobersten der Luftwaffe [2] abgelöst. Damit kann man davon ausgehen, dass Leonhardis Porträt vermutlich in der Zeit zwischen 1923 und 1933 entstanden ist.

Auffallend ist, dass das Gesicht im Vergleich zur Uniform viel feiner ausgearbeitet ist. Das könnte auf eine Fotografie als Bildvorlage deuten, die nur den Kopf und einen kleinen Teil des Oberkörpers zeigte. Der übrige Teil der Uniform hätte so der Fantasie des Malers entspringen müssen, was die Ungenauigkeit vielleicht erklären könnte. Möglicherweise waren hier jedoch auch zwei verschiedene Künstler am Werk, die sich die Arbeit teilten.

Bleibt das mysteriöse Einschussloch: Seine Form lässt erkennen, dass von vorne geschossen wurde. Nach dem Krieg sorgt die Angst vor Strafen oder die Enttäuschung über die Niederlage dafür, dass NS-Porträts in Privatbesitz durch die Bevölkerung häufig versteckt oder vernichtet werden. Doch auch einzelne Soldaten der Sieger des Zweiten Weltkrieges zerstören Bilder aus Hass- und Rachegefühlen. [3] Demnach könnte das Bild in die Hände der Alliierten geraten, beschossen und anschließend an das Rosenheimer Museum übergeben worden sein.

Eine nachträglich hinzugefügte Notiz auf der Rückseite des Werkes würde diese Überlegung bestätigen; sie lautet: “Feldmarschal Göring der als Kriegsverbrecher 1945-46 durch alliierte Militärregierung zum Strang verurteilt wurde”. Hier fehlt ein Komma sowie der Buchstabe „l“. Dies lässt vermuten, dass die Beschriftung von jemandem stammt, für den/die Deutsch nicht die Muttersprache ist. Zum anderen ist der Dienstgrad des Reichsmarschalls Göring falsch angegeben.

 

 

[1] Vgl. Brian L. Davis: Uniformen und Abzeichen der Luftwaffe 1940–1945, Stuttgart 2001,  S. 262-265.

[2] Ebd., S. 297-301.

[3] Tobias Ronge: Das Bild des Herrschers in Malerei und Grafik des Nationalsozialismus. Eine Untersuchung zur Ikonografie von Führer- und Funktionärsbildern im Dritten Reich, Berlin 2010, S. 336.