Anton Kerschbaumer, Bei Gstadt, 1922, Tempera, 57 x 77 cm. Foto © Martin Weiand

Anton Kerschbaumer, Bei Gstadt, 1922, Tempera, 57 x 77 cm. Foto © Martin Weiand

 
 

Bei Gstadt (Felder am Chiemsee) von Anton Kerschbaumer

(nach dem Katalogtext von Franziska Koschei)

 

Eine expressive Momentaufnahme oder die harmonische Abbildung einer Landschaft? Ganz eindeutig wird dies beim ersten Blick auf Anton Kerschbaumers (1885 – 1931) Gouache „Bei Gstadt (Felder am Chiemsee)“ (1922) wohl nicht.

Zum einen vermitteln ausladende Bögen, nervöse Linien und ein schwungvoller Farbauftrag ein hohes Maß an Bewegung, Dynamik und Energie. Dabei werden die Bildelemente auf ihre groben Erscheinungsformen reduziert, auf Details wird verzichtet. Daraus lässt sich schließen: Wie bei seinen expressionistischen Malerkollegen steht auch bei Kerschbaumer die persönliche Sicht der Dinge im Vordergrund. Hierfür findet er in seinem Tagebuch sehr deutliche Worte: „Richtig Zeichnen ist beschissen – Stumpfsinn! Man soll vor allem das herauszubringen versuchen, was man persönlich sieht […] !“ [1]   

Andererseits herrscht ein gewisses Maß an Ausgewogenheit und Ordnung. Betrachtet man die Farbigkeit des Bildes, wird die Dominanz eines hellen und freundlichen Gelbs deutlich, das vor allem zur Darstellung der Felder genutzt wurde – es erinnert an Weizen. Dieses Gelb vermischt sich an einigen Stellen auf harmonische Weise mit einem kräftigen Hell- bzw. Wiesengrün. Zusammen mit dem hellblauen Himmel entsteht ein farblich ausgewogenes Bild, welches die natürliche Farbigkeit der einzelnen Bildelemente festhält. Außerdem bleibt Kerschbaumer betont gegenständlich; es geht ihm um die heimische Landschaft.

Wird hier etwa eine Geistesverwandtschaft zu seinen traditionalistischen Rosenheimer Künstlerkollegen deutlich? Wohl kaum. Kerschbaumers „gemäßigten Moderne“ [2] folgt nicht den Prämissen der Münchner Schule, wie es in der Rosenheimer Kunstszene meist der Fall ist. Doch kann auch die Betitelung als Expressionist nicht eindeutig bestätigt werden.

Kerschbaumers Werke entstehen aus einem eigenen, für ihn typischen Leitgedanken heraus: Er strebt nach Gesetzmäßigkeiten im erblickten Bild. Er versucht die Urformen von Gegenständen zu erforschen. Die Reihung und Staffelung dieser Raumformen in der zweidimensionalen Fläche des Bildes stehen dabei im Mittelpunkt. Hans Eckstein spricht 1931 diesbezüglich von einem „Streben nach einer allgemeingültigen, gesetzesmäßigen Form“ [3].

Somit entzieht sich der Künstler einer eindeutigen Zuweisung zu zeitgenössischen Strömungen. Entsprechend hält er in seinem Tagebuch fest: „Sei natürlich und vor allem wahrhaftig – sei wie du bist, und du wirst modern sein. Also ahme weder neue noch alte Meister nach, sondern male, was dir gefällt und was du darin empfindest.“ [4] 

 

[1] Anton Kerschbaumer 1908, zit. nach Markus Ewel: Anton Kerschbaumer 1995–1931. Wille zur Form, in: Konstanze Wetzel-Kerschbaumer (Hg): Anton Kerschbaumer. 1885–1931, München 1994, S. 29.

[2] Michael Pilz: Literatur und Bildende Kunst in der Zwischenkriegszeit, in: Manfred Kreml und Michael Pilz (Hg): Rosenheim. Geschichte und Kultur, Rosenheim 2010, S. 432.

[3] Hans Eckstein: Anton Kerschbaumer, in: Kat. Ausst. Galerie J. B. Neumann und Günther Franke: Anton Kerschbaumer Gedächtnis-Ausstellung, 22. Oktober bis 20. Novermber 1931, München 1931, n. pag.

[4] Anton Kerschbaumer 1910, zit. Kat. Ausst. Brücke-Museum Berlin: Anton Kerschbaumer 1885–1931 zum 50., Berlin 1981, S. 10.