Constantin Gerhardinger, Selbstporträt in meinem Hergottswinkel, 1965, Öl auf Leinwand, 100 x 85 cm. Foto © Martin Weiand

Constantin Gerhardinger, Selbstporträt in meinem Hergottswinkel, 1965, Öl auf Leinwand, 100 x 85 cm. Foto © Martin Weiand

 
 

Selbstporträt IN MEINEM HERRGOTTSWINKEL von Constantin Gerhardinger

(nach dem Katalogtext von Elena Velichko)

 

Constantin Gerhardinger (1888 – 1970) hat sich selbst Pfeife rauchend in seiner Wohnung gemalt. In Öl festgehalten steht er mittig und etwas nach hinten gedreht. Er schaut den Betrachter direkt und voller Selbstbewusstsein an. In seiner Hand hält er zwei Pinsel, um ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen, dass er ein Künstler ist. Im Hintergrund sieht man eine ländliche Stube. Mehrere kleine Elemente charakterisieren diese. So ist in der linken oberen Raumecke ein Kruzifix mit einem Trockenstrauß abgebildet. Das ist als Symbol für den katholischen Glauben zu lesen. Darunter findet man eine Flasche mit Flüssigkeiten und rote Äpfel, vielleicht ein Verweis auf die Landwirtschaft. Rechts von Gerhardinger hängt ein Geweih an der Wand.

Das Gemälde zeichnet sich durch eine perspektivisch korrekte und detailreiche Komposition aus, die eindeutig auf eine naturalistische Tradition verweist. Doch lassen sich durch den teilweise dicken Farbauftrag und das Lichtspiel im Fenster und auf der Wand auch Bezüge zum Impressionismus ziehen. Damit passt er in die künstlerische Praxis der Künstlergruppe „Frauenwörther“ - die er mitbegründete - und der Münchner Schule.

Die schlichte Inneneinrichtung, die einfache Kleidung und die gedeckten Farben tragen zu einem gutbäuerlichen, bescheidenen Eindruck bei. Gerhardinger sieht sich selbst als „Bauernmaler“ [1], der sich der Landschaft, der Leute und der Alltagsszenen aus der bäuerlichen Umgebung widmet. Mit dieser „Bauernmalerei“ entspricht er der nationalsozialistischen Vorstellung des einfachen aber edlen Landlebens als Ursprung des „deutschen Volkes“. Damit malt Gerhardinger sich selbst als das Ideal des schlichten Künstlers auf dem Land. 

 

 

[1] Registratur der Akademie der Bildenden Künste München (im Folgenden: AdBK), Personalakte Constantin Gerhardinger, nicht foliiert, Schreiben Gerhardingers an das Finanzamt vom 25.1.1940.