Foto: Stadtarchiv Rosenheim, Anton Kerschbaumer, Selbstporträt, Lithographie, 1919, Bildnr.: DB_707

Foto: Stadtarchiv Rosenheim, Anton Kerschbaumer, Selbstporträt, Lithographie, 1919, Bildnr.: DB_707

 

Anton Kerschbaumer (1885-1931)

(nach dem Katalogtext von Franziska Koschei)

 

Den Rosenheimer Künstler Anton Kerschbaumer verschlägt es 1908, nach dem erfolgreichen Ablegen des Zeichenlehrerexamens in München, nach Berlin. Von der schnelllebigen und zukunftsorientierten Atmosphäre der Großstadt eingenommen, distanziert er sich dabei mehr und mehr von seiner Heimatstadt. [1] Gleichzeitig bleibt Rosenheim zeitlebens ein häufiger Aufenthaltsort. Am Chiemsee, wo er nach dem Ersten Weltkrieg die Sommer der Jahre 1921 bis 1924 verbringt, malt er „die kühnsten expressionistischen Chiemseebilder“ [2].

Jedoch ist fraglich, ob diese eindeutige Zuordnung als Expressionist zutrifft. Deutlich ist, dass Kerschbaumer, wie seine expressionistischen Künstlerkollegen, auf eine exakte Abbildung der Natur verzichtet. Jedoch versucht er nicht, wie diese den emotionalen Wert der Szenerie oder des Gegenstandes festzuhalten. Kerschbaumer geht analytischer an seine Werke heran; Form und Struktur bestimmen seine Arbeit, nicht Ekstase und Emotion.

So begleitet das Leben und Werk Anton Kerschbaumers eine Fülle von Widersprüchen. [3] Auch die Reaktion des Rosenheimer Publikums ist zwiegespalten. So habe das dynamische Werk 1932 in der „konservative[n] Chiemgauer Kunstszene“ [4], „verschiedene Biertischgemüter in Aufregung gebracht“ [5]. Andererseits wird noch im selben Jahr betont, dass es für die Stadt eine Ehre sei, „einen solchen Künstler von Ruf zu den Ihrigen zählen zu dürfen“ [6].

Widersprüchlich ist auch die Behandlung der Werke Kerschbaumers im Nationalsozialismus. So ist Kerschbaumer einerseits zwischen 1933 und 1945 auf sieben Ausstellungen in Deutschland vertreten. [7] Auf der andere Seite werden einige Werke beschlagnahmt, zerstört und auf herabwürdigenden Ausstellungen positioniert. [8]

Nach dem Zweiten Weltkrieg gerät die Kunst Kerschbaumers zusehends in Vergessenheit. „Für viele wird es die erste Begegnung mit diesem Maler sein. Vor 25 Jahren gestorben, gehört Kerschbaumer zu den fast Vergessenen“ [9], bemerkt der Kunstkritiker Fritz Nemitz 1957. Zu Beginn der 1980er-Jahre lässt sich primär in Rosenheim von einer Wiederentdeckung des „zu Unrecht Vergessenen“ [10] sprechen. Trotzdem scheint das Werk Kerschbaumers bis heute „nur den Kennern ein Begriff“ [11] zu sein.

 

ANTON KERSCHBAUMER: BEI GSTADT © Martin Weiand

ANTON KERSCHBAUMER: BEI GSTADT

© Martin Weiand

 

[1] Vgl. Arnold Matthias: Anton Kerschbaumer. Deutsche Expressionisten 13. Folge, in: Weltkunst 6, 1988, S. 909: „Die neuen Berliner Eindrücke lassen ihn seine Münchner Erfahrung distanziert betrachten“.

[2] Evelyn Frick: Anton Kerschbaumer. Leben und Werk, in: Ausst.-Kat. Städtische Galerie Rosenheim Anton Kerschbaumer. 1885–1931, Rosenheim 2001, S. 23.

[3] Vgl. Martin Bloch 1931 zit. aus usst.-Kat. Brücke-Museum Berlin: Anton Kerschbaumer 1885–1931 zum 50., Berlin 1981, S. 8.

[4] Michael Pilz: Literatur und Bildende Kunst in der Zwischenkriegszeit. In: Manfred Treml und Michael Pilz(Hg): Rosenheim. Geschichte und Kultur. Rosenheim 2010, S. 435.

[5] O.V., Führung durch die Kerschbaumer-Ausstellung, in: Rosenheimer Tagblatt Wendelstein, 8./9.2.1932, o.S.

[6] Ebd.

[7] Vgl. Konstanze Wetzel-Kerschbaumer (Hg): Anton Kerschbaumer. 1885–1931, München 1994, S. 186.

[8] Gemeint sind die Ausstellungen „Kulturbolschewistische Bilder“ 1933 in Mannheim und „Entartete Kunst“ in Hamburg 1938. Vgl. die Datenbank zum Beschlagnahmeinventar der Aktion „Entartete Kunst“ der „Forschungsstelle ,Entartete Kunst‘“, FU Berlin.

[9] Fritz Nemitz: In der Galerie Günther Franke. Erinnerungen an einen Vergessenen, in: Süddeutsche Zeitung, 9.1.1957, o.S.

[10] Hans Heyn: Ein großer Maler kehrt zurück. Einführung zur Ausstellung Anton Kerschbaumer in der Rosenheimer Galerie, in: Oberbayerisches Volksblatt, 1.3.1982, o.S.

[11] Matthias 1988, S. 908